Mein Weg als Maler

Hein Nass, geboren am 15. Februar 1903

In meiner Jugendzeit war es allerorts üblich, dass die Eltern den Lebensweg der Kinder bestimmten. Da wurde nicht lange gefragt:“ was möchtest du werden, welcher Beruf würde dir Freude machen“? Je nach dem Bildungsgrad, dem Herkommen, auch nach dem sozialen Status der Eltern wurde schon frühzeitig über die Ausbildung und die Berufswahl des Kindes entschieden. So auch bei mir .Von meinem fünften Lebensjahr an stand es fest, dass ich Maler und Anstreicher werden sollte. Unser elterliches Haus war gerade im Rohbau fertig geworden. Für einen verschönernden Anstrich, Tapezierung usw. fehlte das Geld. Also stand es fortan fest, dass der heranwachsende Sohn dies eines Tages machen würde.

Ich kam 1916 in die Maler-und Anstreicherlehre. Diese dauerte vier Jahre und kostete für meine Eltern im ersten Lebensjahr 200 M im zweiten 150 M, im dritten Lehrjahr 100 M Lehrgeld. Das vierte Lehrjahr war kostenfrei für meine Eltern.

Für meine Arbeit, die täglich 10 Stunden dauerte, erhielt ich Kost und Logis beim Lehrherrn. Ferien und Taschengeld gab es damals nicht.

Die theoretische Ausbildung fand sonntags nach dem Gottesdienst von 9 bis 13:00 Uhr durch einen Gymnasiallehrer statt.

Hein Nass (1969)

Die erste Ehrung war die erfolgreiche Gesellenprüfung. Diese bestand ich mit“ gut“ und „sehr gut“, erhielt außerdem ein Fachbuch zur Erinnerung. Der erste Gesellenlohn wurde dazumal in Gold ausbezahlt.

Meine Mutter war eine strenge und gläubige Frau. Nach ihrem Wunsche hätte ich Priester werden sollen. Aus verschiedenen Gründen, vor allem finanziellen, war das aber nicht möglich. Staatliches Erziehungs- oder Ausbildungsgeld war nicht vorgesehen. Also ging ich auf Wanderschaft und arbeitete vielerorts. 1921 landete ich bei einem Kirchenmaler. Wintertags bildete ich mich auf Kunstgewerbeschulen (weiter), zunächst in Münster und später Hannover, wo ich im Jahre 1927 die staatliche Abschlussprüfung machte.

Die sehr erfolgreiche Prüfung beinhaltete die künstlerische Mittlere Reife.

Auf den Kunstschulen sind mir die Augen aufgegangen. Ich lernte richtig sehen und zeichnen und dekoratives Malen in vielen Techniken. Bei Wettbewerben führender Fachzeitschriften des Malerhandwerks erhielt ich wiederholt erste und zweite Preise für Vorschläge zur Raumgestaltung, womit ich meine dünne Finanzlage etwas aufbessern konnte. Zu allem Glück engagierte mich ein namhafter Restaurator für die Restauration der Gewölbemalerei im Schloss Gottorp[1] in Schleswig, im Hirschsaal des jetzigen Museums. Das war eine schöne und einträgliche Arbeit

Soviele meiner Mitschüler waren damals schon ohne Arbeit, wegen der beginnenden Weltwirtschaftskrise. Das Glück blieb mir treu. Meine Professoren von der Kunstgewerbeschule hatten mich als Fachlehrer an die Malerfachschule Detmold empfohlen. Nun war ich also schon etwas!

Ich unterrichtete 30-40 Meisterkandidaten drei Semester lang während der Wintermonate. Sommertags zog es mich wieder in die Weite. Ich lebte und arbeitete im In- und Ausland vielerorts und landete schlussendlich in der Schweiz, wo ich mit Unterbrechung elf Jahre blieb, und ich erfreuliche Beschäftigung hatte.

Der Erste Weltkrieg war vergessen, und mit ihm Hungersnot, Revolution und Inflation. Der Zweite Weltkrieg hatte begonnen. Deutschland siegte allüberall. Da bemühte sich die deutsche Gesandtschaft um geeignete Fachkräfte, die im Unterricht an Fachschulen eingesetzt werden könnten. Ich bewarb mich beim Reichserziehungsministerium in Berlin und erhielt eine Lehrerstelle in Karlsruhe an der Werkkunstschule. Erst bei der Vorstellung erfuhr ich, dass die besagte Schule schon seit Ausbruch des Krieges geschlossen sei.

Was nun? Wir waren mit Kind und Kegel draußen und konnten nicht zurück in die friedliche Schweiz. Ein Ausweg bot sich in Meppen. Die Berufsschule stellte mich nebenamtlich ein, gleichzeitig aber auch Münster und Rheine. Nach vielen Besichtigungen und Prüfungen erhielt ich 1943 ,ohne jegliche pädagogische Ausbildung, die Berufung als Beamter auf Lebenszeit als Gewerbelehrer und später als Fachschuloberlehrer an der Malerfachschule Rheine.

Der Krieg tobte. Im März 1943 musste ich doch noch Soldat werden. War noch was zu retten?

Die Bomben fielen und zerstörten alle Schulen in Rheine. Nach meiner Gefangenschaft, nach Ausbombung und Arbeitslosigkeit meldete ich mich 1948 wieder zum Schuldienst. Ich malte für Brot und Speck, um die hungrigen Mäuler der Familie zu stopfen. Das war eine schlimme Zeit!

Als das Leben in Deutschland wieder erwachte, erwachte auch ich. Im Heimatverein Rheine fand ich nebenbei reichliche Betätigung als Ausstellungsleiter des Falkenhofmuseums.

Der Kunstmaler Hein Nass war inzwischen nicht unbekannt geblieben. In Zeichen-und Malkursen an verschiedenen Volkshochschulen der Umgebung stellte ich mich als Lehrer zur Verfügung. Für all diese Tätigkeiten ehrte mich die Stadt Rheine durch die Verleihung des 1. Kunst-und Kulturpreises im Jahre 1979.

Mit meiner Pensionierung im Jahre 1968 begann ein neuer Abschnitt in meinem fürwahr wechselvollen Berufsleben. Seither arbeitete ich als Kirchenmaler, Kursleiter und freischaffender Kunstmaler, und male solange wie der Herrgott es mir gewährt.

Rheine, im Januar 1988

[1]= Gottorf