Kulturpreis der Stadt Rheine

 Hein Nass, erster Träger des Kulturpreises der Stadt Rheine [1]

Auszug aus der Rede von Ludger Meier, dem damaligen Bürgermeister von Rheine: er erklärt zunächst, warum die Stadt einen Kulturpreis ausgelobt. Dann schreibt/spricht er:

„Hein Nass ist der Kulturpreis unserer Stadt zuerkannt worden. Das vom Rat bestimmte Preisgericht – bestehend aus dem Bürgermeister als Vorsitzenden, sechs Mitgliedern des Kulturausschusses, dem Kulturdezernenten und drei vom Kulturausschuss benannten fachkundigen Persönlichkeiten – hat den Preis, der “… möglichst jährlich als Anerkennung für besondere Leistung in den Bereichen Literatur, Theater, bildende Künste, Musik und Heimatpflege verliehen“ wird, für das Jahr 1979 dem Maler Hein Nass zugesprochen. Zur Begründung wird auf die folgenden Sachverhalte hingewiesen:

  1. Hein Nass, von 1940-1968 mit einer Unterbrechung in den letzten Kriegsjahren als Leiter der Malerfachschule in Rheine tätig, hat seit 1945 intensiv dafür gearbeitet, den Falkenhof zu einem Kristallisationspunkt des Kulturellen in unserer Stadt werden zu lassen.
  1. Rund 80 Wanderausstellungen richtete Hein Nass im Falkenhof aus. In Zusammenarbeit mit Freunden und Vereinen sind sie aufgebaut worden . Er ermöglichte damit vielen Mitbürgern Hinführung zur Kunst.
  1. Dem städtischen Musikverein Rheine ist Hein Nass eng verbunden, viele Jahre hindurch, auch heute noch, als Sänger; zwei Jahre führte er den Vorsitz des Vereins. Für die Aufführungen entwirft er die Ankündigungsplakate.
  1. Häufig findet man den Namen Hein Nass in den Veranstaltungskalendern von Institutionen der Erwachsenenbildung in Rheine. Er hält Lichtbildervorträge im Rahmen der Altenbetreuung. Hein Nass überträgt seine Kunst und Erfahrung im Umgang mit den bildnerischen Techniken innerhalb von Malkursen auf einen Schülerkreis mit Angehörigen aller Generationen. Kurz um: noch im 76. Lebensjahr unterweist und lehrt er.
  1. Zur künstlerischen Ausgestaltung von öffentlichen Gebäuden in Rheine trug er bei. So weisen und wiesen Jacobikirche, Diesterwegschule, Martin-Luther-Schule, Ausbildungs-stätte der Kreishandwerkerschaft und Dechant-Pietz-Schule Dokumente seines Schaffens auf. Neben ihnen stehen viele Werke in Gemeinden und Städten der engeren und weiteren Nachbarschaft.
  1. Hein Nass dokumentiert und interpretiert in seinen Kunstwerken Land und Leute unserer Heimat, Stadt und Bürger in Geschichte, Gegenwart und Zukunft.

Dem Künstler Hein Nass, dem Maler vor allem, wird der Kulturpreis unserer Stadt Rheine zuerkannt. Wir sprechen ihm wegen seines künstlerischen Schaffens den zum ersten Mal verliehenen Preis zu.

Der Grund: die Skizzen, Zeichnungen, Sgraffiti, Aquarelle, Gemälde, Plakate und Plastiken wirken gemeinschaftsbildend; sie regen die Hinwendung zur Heimat an, wecken und vertiefen die Liebe zu ihr. Gespräch und Auseinandersetzung, Betrachtung und Verinnerlichung bewirken sie zwingend, wenn man dem Schaffen von Hein Nass begegnet, und das geschieht in unserem Raum in vielfältiger Weise.

Hein Nass ist am 15. 2.1903 in Meppen geboren. Sein Vater war Briefträger. Hein ist ein Kind unter acht Geschwistern. Er besuchte die Volksschule, wurde Malerlehrling, lernte

“von der Pike auf“. Er bekennt sich zu einem Ausspruch von Gropius, dem Begründer des Bauhauses, der bemerkte: “Handwerker und Künstler müssen eigentlich eins sein“. Man muss Charakter und Anwendungstechniken des Materials kennen, bevor man es zur Gestaltung des Kunstwerkes verwenden kann.

Hein Nass besuchte die Kunstgewerbeschule in Hannover, im Sommer nahm er Arbeit als Malergeselle an, um das Studium in den Wintersemestern zu finanzieren. 1927/28 lehrte er an der Malerfachschule in Detmold. E folgten Aufenthalte in der Schweiz, eine Italienwanderung, wieder arbeiten in der Schweiz, dann ab 1940 Tätigkeit an der Werkkunstschule Münster und an der Malerfachschule Rheine: Kriegsdienst 1943 – 1945, eine Zeit lang in Ostpreußen. Das führte zum Malen auf der kurischen Nehrung, von 1948-1968 lehrte Hein Nass wieder an der Malerfachschule Rheine. Darüber hinaus war und ist er tätig in Erwachsenenbildung, Heimatverein, Musikleben, Falkenhof, kurzum: im Bereich des kulturellen Lebens unserer Stadt, dem er ein nimmermüde, ideenreicher Motor ist.

Was sind die Grundlagen im Schaffen des Künstlers Hein Nass; woran entzünden sich beim Betrachter Aufmerksamkeit, Hinwendung und Auseinandersetzung?

Antwort geben uns die Werkgruppen. An den drei bedeutendsten soll versucht werden, diese Antwort in Worte zu fassen.

Zunächst die Porträts. Fast ausnahmslos entstanden sie aus einer Eingebung. Da entdeckte der Maler plötzlich einen Menschen, an dem ihn irgendein Ausdruck besonders reizte. Dies Schelmische oder Spitzbübische, Verspielte oder Verträumte, Gesammelte oder Vergeistigte, jenes eben besonders Hervorstechende versucht er festzuhalten: in Rötelzeichnungen, in Kreide- oder Kohleskizzen, im Aquarell oder im Ölgemälde.

Die großen Linien sind bestimmend, und durch wenige charakteristische Ausformungen dokumentieren sie Charakter. Das Heitere wird Gestalt, die Gelassenheit kommt zu ihrem Recht; mit den Verzicht auf die Details formt sich das Charakteristische intensiver aus.

Eine zweite Werkgruppen, die Blumen: kunstvoll arrangierte Gestecke, blütenbeladene Zweige und Sträuße vielfältiger Form. Sie sprühen farbkräftig aus hellem Grund hervor, Lichtgarben eines Feuerwerks vergleichbar, sie brechen auf, quellen hervor, schaukeln und schwanken an ihren Stielen wie Darstellung der Natur in ihrem uranfänglichen Sinn, ein Zustand des Werdens und der Ausbildung neuer, aufblühender Formen.

Zur Harmonie des im einzelnen bewegt ausgeführten Straußes gehören eine ausgewogene Farbigkeit, eine erschöpfende Skala eines Farbwertes, eine schier nicht endenwollende Variationsbreite von Grundstimmungen in einer Farbe. Die Farben leuchten und flackern; das gilt auch dann, wenn die pastosen, zarten Töne bildbestimmend sind. Alle Elemente von Zweig, Stängel, Blüte und Blatt sind in ihren Beziehungen und Aussageweisen gegeneinander ausgewogen und ineinandergefügt zu kostbarer Wirkung gebracht.

Kernstück der Arbeiten Hein Nass` sind die Aquarelle mit Motiven vor allem aus der Emslandschaft, aber auch aus Venn, Heide, Geest und Hochgebirge. Sie offenbaren den entscheidenden Grundzug im Schaffen des Malers Hein Nass überhaupt: Liebe zu seiner Umgebung und seine eingeborene Empfindlichkeit gegen das Licht.

Etwas von dem, was die holländischen Landschaftsmaler auszeichnet, schwingt in seinen Werken mit, die unendliche Abstufung des Äthers, die vielfältigen Variationsmöglichkeiten von Himmel und Wasser.

Unsere lyrische, in vielfacher Weise poetische Ems versucht er in seinen Bildern festzuhalten und zu deuten. Da sind zum Beispiel die Bäume in seinen Bildern. Man kennt den Ausdruckswert der Bäume in der Malerei. Himmel und Erde verbindend, jedes Ausdrucks fähig, geben Sie das innerste Fühlen eines Künstlers auf lyrische, epische, dramatische Weise oder einfach dekorativ wieder. Im Werke Hein Nass´ sind sie einmal bloße Begrenzung eines Bildmotives, dann wieder geben sie einer Emslandschaft die über die mannigfachen Grünwerte hinausgehende Farbe, dann wieder stehen sie einfach, fast bedrohend aber nachfühlbar gestaltend inmitten einer Bruchlandschaft. Sie werden ein Sammelpunkt aller erdenklichen Farbwerte.

Das Licht, die Farbe, der Raum sind die drei gestaltgebenden Komponenten in den Werken des Malers Hein, besonders in seinen Landschaftsaquarells. Ein einheitlich flutendes Licht durchwaltet den freien Raum. Es macht ihn durchsichtig, licht, schwebend. Das Wetter im Wechsel der Tages- und Jahreszeiten erlaubt ihm die Fülle der Farbvariationen, sie lässt ihn betont die verfeinerte Darstellung des Lichts mit seinen atmosphärischen Werten und Wolkenbildern ringen, sie bringt ihn zu einem stets gegenwärtigen hellen Kolorit. Es ist eine gedämpfte Farbigkeit, kein schreiender Farbwert, der aus diesen Aquarellen spricht.

Ein lichtes Gelb, ein blasses Grün, ein sanftes Blau und die mannigfaltige Abstufung des matten Graus in den Wolken bestimmen die fantastischen, weiträumigen Landschaftsbilder. Die reine Fläche wird zum Raum hin transparent. Alles wirkt klar in der Anordnung, man hat den Eindruck, in einen Raum großer Tiefe zu sehen. Man fühlt einen ruhig ordnenden Sinn am Werk.

So stellen sich seine Hauptwerke dar als ein Zugleich von klargezeichneter, tiefenräumlicher Komposition und dem Eindruck unbegrenzter Weite auf der einen und harmonischer Farbigkeit, sanftem Licht, zuweilen Schwerelosigkeit auf der anderen Seite. Der leichte Strich, die weißgelassenen Partien, die durchsichtigen Farben und das helle, gleichmäßig über alles ausgebreitete Licht verleihen dem Ganzen einen Charakter von Zartheit und Stille. Solch ein Aquarell scheint wie es aus farbig getönten Bahnen, Lichtebenen und auch Wolkenflächen oder -streifen gestaltet.

Die Landschaft wird eine farbige, Licht durchströmte Erscheinung. Die von farbigen Binnenzeichnungen im graphischen Sinn sehr großzügig durchgestalteten Räume sind eingetaucht in Licht; es sind immer, auch in den dramatischen Partien, durchsonnte Landschaften mit einem Leuchten wie von innen her. Dies “ Leuchten wie von innen her“ aus dem Werk des Malers Hein Nass wirkt auf unsere Stadt Rheine. Es eröffnet uns Bürgern, unseren Freunden, Gästen und Nachbarn Verständnis und eigenwillig aufgezeigte Sehweisen über Mensch, Natur, Land und Stadt, für die Schöpfung und das Wirken der Geschöpfe in ihr.

Wenn nun der Kulturpreis der Stadt Rheine an Hein Nass übergeben wird, dann möchte ich damit den Wunsch verbinden, dass dem Maler Hein Nass, getragen von der Liebe und Fürsorge seiner Gattin und seiner Kinder und eingebettet in die Gesamtheit der ihn achtenden und hoch schätzenden Bürgerschaft unserer Stadt, noch viel fruchtbare Malerjahre geschenkt werden“

[1]  Auszug aus der Rede von Bürgermeister Ludger Meier am 9.9.1979 im Bürgersaal des Falkenhofes, entnommen aus: Rheine, gestern, heute morgen. Zeitschrift für den Raum Rheine.-1/80. Hg: Stadt Rheine.-

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